| Wie ich dem toten Hasen die Bilder erkläre, 2006 |
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| Wie ich dem toten Hasen die Bilder erkläre. |
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Retrospektiv scheinen die Performances der 1960er gemacht, um in einem Schwarzweiss-Bild zu enden. Eine dieser Fotografien hat sich in das kollektive Gedächtnis der Kunstwelt eingebrannt, wie kaum ein anderes: Joseph Beuys, das Gesicht mit Honig, Goldstaub und Blattgold verklebt, hält auf seinem Arm einen toten Hasen. Unter dem Titel „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ war Beuys am 26. November 1965 in der Düsseldorfer Galerie Schmela drei Stunden lang mit dem Hasen von Kunstobjekt zu Kunstobjekt geschritten, auf den Hasen einflüsternd. Unter dem Titel „Wie ich dem toten Hasen die Bilder erkläre.“ wird der in London lebende Künstler Thomas Kratz die Schlüsselperformance der 1960er Jahre wieder durchführen. Er transformiert die fotografischen Spuren und Augenzeugenschilderungen der Beuys-Performance wieder in ein körperlich-räumliches Ritual, das nun jedoch auf einen veränderten örtlichen und zeitlichen Kontext trifft. Auf diese Weise überprüft er die von Beuys entworfene Versuchsanordnung auf ihre heutige Wirkung, sowohl auf sich selbst als auch das Publikum. Die Beuys-Performance, die das Imaginäre der Kunstwelt in so hohem Maße geprägt hat, wird hier wie eine Tarnung verwendet. Zunächst den Eindruck des Vertrauten erzeugend, schleust Kratz eine neue differenzierte lyrische Metapherologie zwischen Tragik und Humor ein, die sich den großen anthropologischen Fragen nach Leben, Tod und Wiedergeburt widmet. Kratz platziert sich und das Publikum im Spannungsfeld zwischen den Erinnerungsbildern und der unmittelbaren Erfahrung. In der Wahl der Mittel folgt er Überlegungen von Jorge Luis Borges: „Ich gebrauche die abgegriffensten Metaphern. Das ist es im Grunde, was ewig ist: die Sterne sehen aus wie Augen, zum Beispiel, oder der Tod ist wie der Schlaf.“ Das Vertraute ist das Tor zum Neuen, das Werk eines anderen Künstlers das Tor zum eigenen Werk. Das Überindividuell-Kulturelle ist die Bedingung partikularer Erfahrung, das Archiv die Bedingung aktueller Kunst. Kratz analysiert mit dieser Performance nicht die Ikone Beuys, sondern das Ritual, das er im Sinne einer festgelegten Handlungs-Form versteht, deren Wirksamkeit sich nur im aktuellen Vollzug erweist und deren Ursprünge zu verschwimmen beginnen. Er rekonstruiert die Rahmenbedingungen nicht nur, sondern passt sie den Bedingungen der Gegenwart und seiner Ästhetik an. Der Versuchsaufbau in dem sich das Ritual abspielen wird, ähnelt der Performance von 1965 weit gehend: Das Publikum ist vom Künstler räumlich getrennt und kann ihn nur durch zwei Türfenster beobachten. Kratz bewegt sich im angrenzenden Raum: einen toten Hasen im Arm, das Gesicht mit Honig und Blattgold bedeckt, in einem von der Designerin Lara Torres gestalteten Beuys-Dress gekleidet. In diesem Raum befindet sich ein Hometrainer sowie ein kleiner Roboter, der das Lied „Daisy (Bicycle Made for Two)“ intoniert. Kratz erklärt dem Hasen eine imaginäre Sammlung. Die Künstler dieser Sammlung sind auf einem Plakat im Publikumsraum aufgelistet, in das die Erzählungen von Kratz auf Lautsprecher übertragen werden. Das Beuyssche Motiv des Hasen als Symbol der Wiederauferstehung bezieht sich im Ritual von Thomas Kratz auch auf Umgang mit dem kollektiven Imaginären der Kunst. Er definiert darüber hinaus neue Ritualgegenstände: Der Hometrainer, ein Objekt, dass in Alfred Jarrys „Pataphysik“ zum christlichen Marter- und Leidensgerät wurde und das Peter Blegvad als metaphysisches Objekt beschrieb, von dem wir glauben, dass dessen Nutzung die Distanz zum Tode verlängert. Der kleine Roboter singt mit „Daisy“ ein Lied, dass 1962 von den Bell Research Laboratories als eines der ersten Stücke mit computergenerierter Stimme erzeugt und 1968 in Stanley Kubricks „2001 Odyssey im Weltraum“ wieder verwendet wurde. Neben dem Hasen als Symbol für Fruchtbarkeit und Wiedergeburt platziert Kratz die Maschine als Artefakt, das mit wenigen einfachen Charakteristika jene menschliche Begierde befriedigt, in allem Lebensähnliches finden zu wollen. Sie singt dem Menschen und dem toten Hasen mitleidlos ein Liebeslied: "Daisy, Daisy / Give me your answer do! / I'm half crazy, / All for the love of you! / It won't be a stylish marriage, / I can't afford a carriage / But you'll look sweet upon the seat / Of a bicycle made for two.“ |
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Margit Rosen
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